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24. August 2012

Oliver Kalkofe als berühmtester Detektiv aller Zeiten


Schon als Kind sei er mit Fingerabdruckpulver und Rückwärtsbrille durchs Haus geschlichen. Heute liest der beliebte Comedian und Schauspieler Oliver Kalkofe für den Hörverlag die Fälle des berühmtesten Detektivs der Weltgeschichte: Sherlock Holmes. Wir trafen ihn während der Studioaufnahmen zum Interview.


Herr Kalkofe, besitzen Sie selbst auch detektivische Qualitäten?
Nein, aber ich wollte immer Detektiv werden, schon als Kind. Das war eigentlich mein erster Traumberuf, weil ich immer Krimi-Fan war. Damals gab es ja noch nicht so viele „Thriller“ wie heute, sondern eher den klassischen Kriminalroman. Von denen war ich aber wirklich immer begeistert – sowohl im Fernsehen als auch als Buch. War dann später großer drei ???-Fan, wollte auch einen Detektiv-Club gründen, hatte auch kurzzeitig einen ... wir waren der „Detektivclub Grüner Kakadu“ (lacht). Wir haben uns einmal die Woche getroffen – um Kuchen zu essen, zu spielen und Plakate zu malen, die wir dann in der Straße aufgehängt haben. Aber es ist leider nie zu einem wirklichen Fall gekommen, ich warte heut noch drauf (lacht).

Wie muss man den Tag beginnen, wenn man weiß, man wird gleich die berühmtesten Fälle des berühmtesten Detektivs einlesen?
Es hat mich selber sehr gewundert, aber ich muss jetzt nicht Filme kucken oder ‘ne Mütze tragen oder Pfeife rauchen oder Kokain nehmen wie Sherlock Holmes, um in diese Stimmung zu kommen. Da ich ein Riesenfan von solchen englischen Geschichten bin, ist es komischerweise so – egal ob bei Agatha Christie oder bei Doyle –, dass das sehr schnell und sehr automatisch funktioniert. Und wenn man da erstmal eingetaucht ist, dann kommt man nicht so schnell wieder raus.


 Wer ist Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes eigentlich?
Ich hab‘ früher ja hauptsächlich die Filme gesehen. Ich hab einige der Geschichten gelesen, aber nicht alles, und das ist mindestens 25 Jahre her … Als ich mich jetzt zum ersten Mal wieder an die Original-Geschichten machte, musste ich erkennen, dass Sherlock Holmes eine viel interessantere und ironischere, coolere Figur ist, als ich es die ganzen letzten Jahrzehnte gedacht habe. Bisher war es immer ein eher ruhiger, dröger, etwas älterer, sehr in sich gekehrter Mann. Wenn ich jetzt die Geschichten lese, sehe ich, er ist der lebendigste von allen! Er ist derjenige, der begeistert ist, der mit wachen Augen alles beobachtet, der sich freut und nachdenkt und ein bisschen spöttisch den Rest der Welt betrachtet. Das finde ich an der Figur so spannend.

Und Dr. Watson?
Watson ist der durchschnittliche Jedermann, das ist ja auch sein Job. Der das alles beobachtet, aber auch nicht ganz so tumb und dumm ist, wie er in manchen Filmen dargestellt wird. Er versucht immer, Holmes nachzueifern, kommt da aber halt nicht so ran. – Was aber auch ganz wichtig ist: Es ist die erste Buddy-Geschichte der Literatur: wo zwei unterschiedliche Charaktere zusammenkommen und dann aber als gute Freunde gemeinsam die Fälle lösen.

Wer wären Sie lieber: Sherlock Holmes oder Dr. Watson?
Also ehrlich gesagt: Dann wäre ich schon gerne Holmes. Obwohl ich mich nicht mit ihm messen könnte, das gebe ich ja offen zu, aber: Ich würde es gern versuchen. Und ich glaube, wenn, wäre ich auch eher der unruhige Geist, der nach jeder Kleinigkeit sucht. Dieses wirkliche Erforschen-Wollen, was dahintersteckt, das finde ich das Faszinierende an der Figur Holmes.


Wann haben Sie Arthur Conan Doyle das erste Mal gelesen?
Ich glaube, es war Der Hund von Baskerville, und ich weiß, dass ich als Jugendlicher – so 14, 15 war ich da – auch sehr begeistert war von den Edgar-Wallace-Verfilmungen im Fernsehen. Ich hatte dann auch ein Buch mit Kurzgeschichten, hab die aber irgendwann dadurch, dass es so viele Verfilmungen gab und man dann die Geschichten schon kannte, nicht mehr alle nachgelesen. Jetzt macht es wieder richtig Spaß, sie neu zu entdecken.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte?
Das ist schwer zu sagen, denn jede Geschichte hat einen ganz anderen Reiz. Man muss sich in die Zeit zurückversetzen, das ist das ungemein Spannende. Man kriegt wieder einen ganz anderen Blickwinkel auf Dinge: wie die Menschen damals getickt haben, was wichtig war, wie deren Leben funktionierte. Und dann sind es natürlich auch die klassischen Fälle: ein Mord oder eine Geschichte, die einfach schön vertrackt ist.

Was für eine Erklärung haben Sie für den bis heute ungebrochenen Hype um Sherlock Holmes?
Holmes und Watson sind archetypische Figuren. Die funktionieren einfach in sich, egal in welcher Zeit. Man hat zwei Figuren, einen Überintelligenten und einen „Normalbürger“, die charakterlich anders sind – daraus entstehen alle guten Geschichten, ob in der Literatur oder im Film. Und diese beiden Figuren sind diejenigen gewesen, die den Schnittmusterbogen für alle späteren vorgelegt haben – auch ein Hercule Poirot wäre nicht möglich ohne einen Holmes! Dazu kommt natürlich noch, dass Holmes durch die ganzen Verfilmungen und Bilder auch sowas wie ein Superheld ist. Wie ein Superheld ein festes Kostüm hat, kennt man auch das „typische Holmes-Kostüm“: die Mütze und den Umhang und die Pfeife, man weiß, er wohnt in der Baker Street und ähnliche Geschichten – das alles hilft, um daraus einen Mythos zu spinnen. Holmes hat für alle Kriminalisten und für alle Detektive der Welt den Anstoß gegeben und ist für alle das große Vorbild. Und deswegen wird er auch die Zeit überdauern.


Diese besondere Spannung, gepaart mit Humor – können nur die Briten das?
Ich glaube, dass man das schon so sagen kann: Dass die Briten mit der Kriminalliteratur irgendwie ganz besonders verwachsen sind. Und man fragt sich, warum. Die Briten haben immer, im ganzen Leben, Dinge mit Humor und mit einer gewissen Ironie genommen haben, anders als andere Länder. Dann auch diese großen Unterschiede der Stände in den vergangenen Jahrhunderten, die Königin, das Königshaus, die ehemalige Pracht, quasi die ganze Welt fast beherrscht zu haben und dann aber wieder auf die kleine Insel zurückgedrängt worden zu sein. Diese vielen Widersprüche, dazu noch der Nebel, der ja in den alten Geschichten immer eine große Rolle spielt – diese ganzen Zutaten haben da natürlich Kriminalgeschichten ganz anders wachsen lassen als woanders. Heute hat man auch noch die ganzen skandinavischen Krimis, die eine ganz eigene Welt erschaffen haben, eine düstere, weil dort die Welt eben auch wieder anders aussieht. In Deutschland hatten wir immer eher die Beamtenmentalität.

Was war Ihr erster Gedanke, als wir Sie gefragt haben, ob Sie für uns Sherlock Holmes einlesen?
Nachdem ich von Agatha Christie ja nun schon einiges lesen durfte, mit sehr, sehr großer Freude, war der erste Gedanke: Oh super, der große Mythos Holmes, dass ich den lesen darf! Gleichzeitig hatte ich aber auch ein bisschen Angst und dachte: Wird’s mir genauso viel Spaß machen wie Agatha Christie? Als ich dann anfing, die Geschichten zu lesen, war ich innerhalb von Minuten begeistert. Wow, ich wusste nicht, wie gut die geschrieben sind! Was für eine tolle Sprache! Es ist sehr schwer zu lesen, weil manchmal ein Satz über eine halbe Seite geht, achtmal hin- und hergeschoben. Aber es macht einen wahnsinnigen Spaß, und es ist eine so schöne, poetische, bildhafte Sprache. Die Ausdrucksweise, weil sie schon über hundert Jahre alt ist, hat einfach einige wirkliche Überraschungen zu bieten! Nein, ich bin hochbegeistert davon!

Als Hercule Poirot und als Sherlock Holmes sind Sie der Meisterdetektiv des Hörverlags …
Ich muss sagen, dass mich das mit einem gewissen Stolz erfüllt: Dass ich jetzt zwei der größten Detektive der Welt für den Hörverlag lesen darf, das ist schon echt klasse, viel mehr gibt’s da auch gar nicht, die beiden größten hab‘ ich dann.

Gibt es Herausforderungen bei dieser Lesung?
Es gibt viele Herausforderungen. Es ist von allen Sachen, die ich gelesen habe, auf jeden Fall die bisher anspruchsvollste. Ich mache schon Schachtelsätze, aber was Arthur Conan Doyle macht, ist Wahnsinn! Das Zweite ist die Anhäufung der Begriffe, von denen man viele heute gar nicht mehr findet. Auch nicht im Internet. Wir haben recherchiert, und der Kai Lüftner, der die Regie ganz wunderbar macht, hat gesucht und gekuckt und geforscht, man findet nichts. Über ihn haben wir auch Kontakt zur Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Das ist schon wirklich spannend, weil es eben eine ganz andere Epoche ist, die wir hier vor uns haben.


Gibt es noch andere Genres außer Comedy und Krimi, die Sie interessieren?
Eigentlich interessiere ich mich für fast alle Genres, was Film oder Bücher angeht. Wobei ich allerdings zugeben muss, dass Krimi und Thriller schon auf Platz 1 steht – und Comedy natürlich auch, das ist andererseits aber auch mein Beruf geworden, deswegen bin ich da gar nicht mehr so unvoreingenommen wie früher. Was ich mir auch noch gut vorstellen könnte, auch mal zum Lesen, ist etwas, das ein bisschen in die Gruselecke geht: Horror, Gothic oder so. Ich bin früher großer Dracula-Fan gewesen. Dracula ist ja auch so ein Mythos, der so oft neu interpretiert worden ist, und jeder hat ihn wieder anders erschaffen und anders erzählt, ähnlich wie Frankenstein und solche großen Geschichten … das find ich auch alles sehr, sehr spannend.

Seit der Mattscheibe schlüpfen Sie in die verschiedensten Rollen. Wie hat das angefangen? Waren Sie als Kind schon so?
Ja, ich war schon als Kind so. Dann bekommt man irgendwann den Titel „Klassenclown“, was, finde ich, ein bisschen abwertend ist. Denn es ist auch ein harter Job, die Leute immer zum Lachen zu bringen … Ich hab‘ allerdings nie, nie, nie gedacht, dass man das beruflich machen kann, sondern ging ganz fest davon aus, dass ich irgendeinen ganz langweiligen Beruf erlernen muss. Also, nachdem ich gemerkt hatte, dass eben Detektiv und Geheimagent und Superheld nicht so hundertprozentig funktioniert (lacht) … Das wär’s wahrscheinlich dann auch gewesen, wenn das Schicksal nicht so nett gewesen wäre und mich in die andere Richtung geführt hätte. Dass es dann später wirklich so geworden ist, dass ich fürs Spielen und Verkleiden und solche Sachen, die ich als Kind toll fand, auch noch Geld bekommen würde, das hätt‘ ich ja nie gedacht!

Wie viele Rollen geistern momentan in Ihrem Kopf herum?
Oh Hunderte! Also wenn ich allein das ankucke, was ich in der Mattscheibe gemacht habe, da haben wir, glaube ich, über anderthalbtausend Sketche gemacht und davon sind so um die Tausend irgendwelche Verkleidungen gewesen. Also eine sehr multiple Persönlichkeit, die ich da habe (lacht).

Und werden Sie diese Stimmen am Ende des Tages auch wieder los?
Ich trag‘ sie immer ein bisschen mit mir rum, aber zum Glück nicht allzu lang. Auch Holmes und Watson möchte ich nicht wirklich sein – ich glaube, ich würde den Leuten sehr auf den Geist gehen, wenn ich plötzlich anfange, überall den Staub einzusammeln und zu analysieren ... (lacht) Aber natürlich geht es im Kopf rum, das ja. Die Figuren lassen einen nicht los. Ich habe auch, um ehrlich zu sein, letzte Nacht von Holmes geträumt! Ich wachte auf, zweimal oder so, und weiß, dass ich gerade in dem Fall war. Ich weiß nur nicht mehr, in welchem ...

Das Interview führte Teresa Grenzmann/www.hoerverlag.de
Fotos: audioberlin.com/Matthias Scheuer



20. April 2012

James Joyce: DUBLINER als akustische Umsetzung

von Katharina Agathos

Stillstand und Bewegung
„…ich wählte Dublin als Schauplatz, weil mir diese Stadt das Zentrum der Paralyse zu sein schien. Ich habe versucht, sie der indifferenten Leserschaft unter vier Aspekten darzustellen: Kindheit, Jugend, Reife, öffentliches Leben. Die Erzählungen sind in dieser Reihenfolge angeordnet. Ich habe sie zum größten Teil in einem Stil skrupulöser Niedertracht geschrieben“, konstatiert James Joyce 1906. Es ist kein Widerspruch, dass sein erster Erzählband ausschließlich von Lähmung und Stillstand zu handeln scheint, wobei seine epochalen späteren Werke – allen voran Ulysses – die Fragilität, Instabilität und Beweglichkeit des Lebens thematisieren und beschreiben. In den fünfzehn Erzählungen der Dubliner, die für sich alleine stehen, aber thematisch verbunden sind und gemeinsam einen Lebenszyklus – Kindheit, Erwachsenwerden, Alter, Tod – bilden, entwirft Joyce ein Bild von seiner Heimatstadt und dem Alltag ihrer Bewohner. Vom Landwirtschaftsblatt „Irish Homestead“ gefragt, ob er nicht für die Rubrik ‚Kurzgeschichte der Woche’ etwas Einfaches und leicht Verständliches schreiben könnte, liefert er 1904 drei erste Fassungen der Erzählungen Die Schwestern / Eveline / Nach dem Rennen und fasst den Plan einen Zyklus daraus zu machen. Bis 1906 entstehen Eine Begegnung / Arabia / Zwei Kavaliere / Die Pension / Eine kleine Wolke / Entsprechungen / Erde / Ein betrüblicher Fall / Efeutag im Sitzungszimmer / Eine Mutter / Gnade / Die Toten.

Handlung setzt einfach ein
Im Fokus der Erzählungen stehen keine außergewöhnlichen Schicksale, wohl aber die Momente, die dem Leben der Protagonisten eine andere Wendung geben könnten. Joyce ist ein überaus realistischer und genauer Erzähler – der jedes noch so kleine Detail, von dem er erzählt, minutiös recherchiert hat und sich dennoch nie mit ausschmückenden Details aufhält. Das Eintauchen in die jeweilige Erzählsituation erfolgt prompt und ohne Umschweife. Dubliner ist ein Werk der literarischen Moderne, eine Großstadt-Erzählung, und stellt in der englischsprachigen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwas Neues und Stilbildendes dar. „Es ist ein Verdienst von Mr. Joyce – ich will nicht sagen sein Hauptverdienst, aber doch das, was mich am meisten für ihn einnimmt – dass er es sorgfältig vermeidet, einem lauter Zeug zu erzählen, von dem man nichts wissen will. Er stellt seine Personen vor, rasch und lebendig, verbreitet keine Sentimentalitäten über sie, spinnt keine verwickelten Zusammenhänge. Er ist Realist. Er fühlt sich nicht an die stumpfsinnige Tradition gebunden, wonach ein Ausschnitt aus dem Leben nur dann interessant sein kann, wenn er auf die konventionelle Form einer ‚story‘ zurechtgestutzt worden ist,“ schreibt Ezra Pound 1914 begeistert.

…ich verbleibe, sehr geehrter…, Ihr ergebener…
Zu diesem Zeitpunkt hat die Veröffentlichungsgeschichte der Dubliner – ein jahrelanger Nervenkrieg, der Joyce massiv belastet hat – endlich einen glücklichen Ausgang gefunden. Sie beginnt, als der irische Verleger Grant Richards die Absicht ausspricht, die Dubliner zu veröffentlichen, allerdings nur mit Änderungen einiger Textstellen, die Joyce durchzuführen zunächst ablehnt. Ein ausufernder weitschweifiger Briefwechsel beginnt, in der Verleger und Autor einen Hummertanz aufführen, beide um ein Höchstmaß an Diplomatie bemüht, um den Geschäftspartner nicht zu sehr zu verärgern oder gar zu verlieren. Zunächst geht es um einzelne Ausdrücke wie das Wörtchen „bloody“, dessen Verwendung Joyce in einem Brief an Grant Richards 1906 rechtfertigt: „Das Wort, genau der Ausdruck, den ich verwendet habe, ist meiner Meinung nach der einzige Ausdruck in der englischen Sprache, der beim Leser die Wirkung hervorrufen kann, die ich hervorrufen möchte. Sie sagen, es wäre eine Kleinigkeit, um die man mich bäte, hier und da ein Wort zu streichen. Aber ist Ihnen nicht klar, dass gerade in einer Short Story eine solche Streichung tödlich sein kann? Sie können nicht sagen, dass die beanstandeten Wendungen grundlos dastehen und dass man sie unmöglich drucken kann, und gleichzeitig den Tenor des Buches gutheißen“. Schließlich macht Joyce doch Zugeständnisse, wird aber von Grant Richards, der die Weglassung der Erzählung Zwei Kavaliere fordert und darüber hinaus auch die Streichung von Eine Begegnung vorschlägt, immer wieder mit neuen Änderungswünschen vor den Kopf gestoßen. Im Oktober 1906 schickt Grant Richards das Manuskript zurück.

Brennende Druckfahnen
Ein zweiter Streit entbrennt zwischen James Joyce und dem Verlag Maunsel & Co, der noch aufreibender und zermürbender als der vorherige ist, und bei Joyce neben einer Schreib- und Lebenskrise, Mordphantasien entstehen lässt: „Lange Zeit habe ich heute überlegt, ob ich mir für mein letztes Geld einen Revolver kaufen und damit auf die Schurken losgehen sollte, die mich so viele Jahre mit falschen Hoffnungen gepeinigt haben,“ schreibt er 1912 in einem Brief an Nora Barnacle Joyce. Was ihm besonders zugesetzt haben dürfte, ist der Umstand, dass Maunsel & Co die Veröffentlichung der Dubliner in Frage stellt und sich aus den vertraglichen Verpflichtungen zu lösen versucht, als bereits die erste Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt vorliegt. Auslöser sind Proteste des Druckers, der das Werk für unmoralisch hält, woraufhin im Verlag Ängste vor einer Verleumdungsklage aufkommen. Die Druckfahnen und damit die gesamte erste Auflage werden verbrannt. James Joyce gelingt es, ein Exemplar zu retten. Dieses bietet er wiederum Grant Richards an, der schließlich einwilligt, die Dubliner zu den vertraglich festgelegten Konditionen von 1906 zu veröffentlichen. Im Juni 1914 endlich erscheint Dubliner in Irland und James Joyce beginnt seine Arbeit am Ulysses.

Spiel mit Perspektive
Dubliner gilt als Vorstufe und Einstieg in dieses legendäre Werk. Der Hyperrealismus, den Joyce beim Ulysses perfektionieren sollte, bei dem erzählte Zeit und Erzählzeit in eins fallen, wird hier ausprobiert. Es dreht sich bereits alles um Wahrnehmung und Momentaufnahmen, die nicht weniger präzise umgesetzt werden wie später im Ulysses. Die Welt, die Joyce in Dubliner beschreibt, ist nur äußerlich starr. Die inneren Zustände der Figuren dagegen haben immer etwas Flüchtiges, Unsicheres. In den Erzählungen geht es um Veränderung, auch wenn die meisten Ausbruchsversuche scheitern. Was den Ausweg aus eingefahrenen Lebensbahnen bieten würde, und gleichzeitig den Moment der Störung bedeutet, wird von Joyce dabei oft nur angedeutet. Die Protagonisten begreifen oder beherrschen das Geschehen meist nicht und der Leser folgt ihren gedanklichen Wendungen, mit denen sie sich die jeweilige Situation zu erklären versuchen. Es sind die Aussparungen und Leerstellen, die vom Leser eigenständig gefüllt werden müssen, um die Erzählungen verständlich und vollständig zu machen. Ein literarischer Kunstgriff, mit dem die Identifikation der Leserschaft mit den Figuren, die Verschmelzung von Perspektive, herbeigeführt wird.

Die akustische Umsetzung der Dubliner auf Grundlage der Übersetzung von Dieter E. Zimmer, ist ungekürzt und werktreu. Ulrich Lampens Inszenierung für 10 Stimmen löst den Text nicht in Szenen oder wörtliche Rede auf. Es spricht ein Ensemble, das sich aus der Figurentypologie (Sieben Männer und drei Frauen, jeweils von jung bis alt) herauskristallisiert hat. Es gibt keinen Erzähler und keine Rollen, sondern die Stimmen teilen sich die subjektive Erzählperspektive. Dieses Konzept trägt der Perspektivenverschmelzung Rechnung, darüber hinaus wird die schwebende Atmosphäre, die in den Erzählungen angelegt ist, beibehalten: das Misstrauen der Figuren den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen gegenüber, ihre Unsicherheit, ob das, was sie gerade erleben, zuverlässig ist, oder ob die Wirklichkeit nach dieser kurzen Momentaufnahme wieder eine andere ist.

Katharina Agathos ist Chefdramaturgin beim Bayerischen Rundfunk, Hörspiel und Medienkunst.

6. Februar 2012

"Ist das bitter? Sagen Sie's mir."

T.C. Boyles neuer Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" vereint nicht weniger als vier Schiffbrüche, elf Tote, atemlose Spannung und die Frage, welches Leben überleben darf, im erbitterten, radikalen Feldzug zweier Umweltschützer. Wir haben mit dem vielbeschäftigten Autor zwischen München und Santa Barbara ein Gespräch geführt – über die Guten und die Bösen, die Zeit des Spaßes und die Zeit der Abrechnung und natürlich über seinen Seelenfreund Jan Josef Liefers, der für den Hörverlag das Hörbuch eingelesen hat. 

Mr. Boyle, als Sie ein Kind waren, wer wollten Sie beim Spielen lieber sein: der Gute  oder der Böse?
Also, das kommt ganz darauf an, welches Alter man mit "Kind" meint. Als kleiner Junge habe ich mich sicherlich zu den Guten hingezogen gefühlt; als unzufriedener Teenager mag es mich ein klein wenig in die andere Richtung getrieben haben.

Kann man bei Ihrem neuen Roman “Wenn das Schlachten vorbei ist” überhaupt von DEN Guten oder DEN Bösen sprechen? Und wie kann sich der Leser/der Hörer zwischen diesen beiden Fronten entscheiden?
Ich nehme an, es gibt das reine Böse auf dieser Welt, und es gibt Autoren, die es erkennen (denken Sie an das Universum Flannery O'Connors). Aber was mich betrifft, so finde ich es weniger interessant, in solchen Polaritäten wie gut/böse, schwarz/weiß zu denken, als vielmehr meine Figuren mit derart unklaren Moralvorstellungen auszustatten, wie sie vielen von uns gewöhnlichen Menschen eben zueigen sind. Sind die Guten wirklich so gut? Und umgekehrt: Sind die Bösen wirklich so böse? Weit besser für den Leser und Hörer von “Wenn das Schlachten vorbei ist“ ist, für sich selbst zu entscheiden.

Braucht es manchmal Radikalität, um Ziele zu erreichen?
Ich habe mich vorher mit der Vorstellung beschäftigt, außerhalb des Gesetzes zu stehen, um Fragen zu Verbrechen gegen die Natur zu behandeln – nicht nur in "Wenn das Schlachten vorbei ist", auch in früheren Erzählungen wie "Fleischeslust" und Romanen wie "América" und "Ein Freund der Erde". Die Radikalen kommen vielleicht nicht so gut dabei weg, die Firmen oder Einzelpersonen, die für den Angriff auf unsere Umwelt verantwortlich sind, aber genauso wenig. Die größere Frage in "Wenn das Schlachten vorbei ist", heißt: Was gibt unserer Spezies das Recht, alle anderen zu dominieren?

Manche sagen, "Wenn das Schlachten vorbei ist" sei Ihr bisher bitterstes, wütendstes Werk und dass es Ihnen noch nie so ernst gewesen sei. Würden Sie dem zustimmen?
Ich freue mich sehr, das zu hören, aber in meinen Augen ist der Roman nicht bitterer als irgendetwas anderes, das ich geschrieben habe. Vielleicht möchten die Leute, dass ich ihnen erzähle, dass alles gut ist und wir alle glücklich leben werden bis ans Ende unserer Tage, jeder letzte Mann, jede letzte Frau, Ratte, Zecke, jeder Floh unter uns. Aber die Tatsachen unserer Sterblichkeit und des Schadens, den wir der Umwelt, die uns versorgt, zugefügt haben, sind unbestreitbar. Die Zeit der Abrechnung naht. Sind das gute Neuigkeiten? Ist das bitter? Sagen Sie's mir.

Jan Josef Liefers liest T. C. Boyle: Das jedenfalls ist immer eine gute Neuigkeit, ob im Hörbuch oder auch live auf Lesetour. Was verbindet Sie beide?
Jan Josef und ich hatten eine mordsgute Zeit. Ich wünschte, wir hätten mit dieser Show weitermachen können: durch die deutschsprachigen Länder und hoch nach Lappland, hinüber nach Island, dann auf die Bahamas runter und den Amazonas rauf. Es war die reinste Freude. Wir denken ähnlich. Wir lachen ähnlich. Wir mögen Bier. Wir mögen Frauen (ähem: unsere Ehefrauen, meine ich). Wir mögen Rock and Roll. Was gibt es sonst noch?

Und Sie mögen seine deutschen Lesungen?
Es ist für mich ein großes Vergnügen, auf unserer Deutschlandtournee dem englischen Text zu folgen, während Jan Josef aus dem deutschen Text vorliest – so dass ich nicht nur eine Deutschstunde bekomme, sondern die gesamte Performance. Es ist wundervoll. Ich kann jeder Nuance und jedem Tonfall folgen und dabei ins Publikum schauen und fühlen, wie sie sich alle auf den Text einlassen. Also kurz: ja. Und zwar gewaltig!

Interview: Teresa Grenzmann/Der Hörverlag

6. September 2011

Der Ohrwurm zum Lindwurm

  Andreas Fröhlich (Foto: T. Grenzmann)
Auf nach Zamonien! Einmal mehr beweist Andreas Fröhlich, dass er die kongeniale Stimme des "kongenialen Übersetzers" Walter Moers ist. "Ein guter Text ist wie ein gutes Pferd", sagt Andreas Fröhlich – und reitet vergnügt durch "Das Labyrinth der Träumenden Bücher". Seit seiner Rolle als Bob Andrews in "Die drei ???" ist er einer der bekanntesten Synchron- und Hörbuch-Sprecher.

Herr Fröhlich, wie wird man 12 Tage lang Morgen für Morgen zum zamonischen Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz?
Die Zähne dürfen nicht geputzt werden und man muss mit Rotwein gurgeln. (Er lacht.) Nee, da mach‘ ich gar nichts. Es treffen natürlich die ganzen obskuren und absurden Figuren aus dem Moersschen Kosmos aufeinander. Deswegen mussten einige sehr skurrile und extreme Stimmen haben. Das wird sehr spannend, aber es ist auch verdammt anstrengend.

 
Wie viele Stimmen sind es?
20 ungefähr. Aber ich mach‘ das nur mit unterschiedlichen Stimmlagen: Die Körperhaltung verändert sich ein wenig, um die Figuren zu unterscheiden. Das ist die ganze Kunst. Je älter eine Stimme ist, desto mehr sacke ich vor dem Mikrofon zusammen und richte mich dann ein wenig auf, wenn es eine etwas hellere, eine Haifischmade ist zum Beispiel. Die Stimmen fallen mir am Abend vorher beim ersten Lesen ein. Ich mache mir Notizen und dann probe ich im Kopf.

Haben Sie eine Lieblingsstimme?

Hildegunst von Mythenmetz finde ich großartig! Ich würde mit ihm sogar Urlaub machen.

Hildegunst schreibt, das "Labyrinth" sei das "allergrößte Abenteuer" seines Lebens. Sie kennen ihn besser: Was meinen Sie
Ich hab‘ mit Hildegunst gesprochen: Ich darf nicht so wahnsinnig viel verraten ...
Es gibt Haifischmaden und Mooslinge und Lindwürmer und Schrecksen und irgendwelche Gnömchen, Buchlinge, ... Tausende Figuren, die aufeinanderprallen. Das Ganze ist noch mal eine Steigerung zum ersten Teil – und ich habe den Eindruck, es wird auch noch nicht zu Ende sein.

  Im Studio (Foto: T. Grenzmann)

Wie schafft es Walter Moers, Jung wie Alt gleichermaßen zu fesseln?
Ich bin ein großer Fan von Walter Moers. Ich glaube, er ist völlig verrückt – und das ist das Interessante. Man fängt an zu lesen und weiß, es wird einen unglaublich viel erwarten, aber man hat keine Ahnung, was. Keiner kann das so wie Walter Moers!

Empfinden Sie diesen Sog auch manchmal im Studio?
Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Leser. Ich sag' immer: Ich muss den Text reiten – und ein richtig guter Text lässt sich auch sehr gut reiten wie ein gutes Pferd. Es gelingt mir natürlich nicht immer, im Sattel zu bleiben, aber wenn ich wirklich drin bin, merke ich gar nicht, dass ich lese. Da bin ich wie ein Medium, was die Buchstaben inhaliert und wieder ausspuckt – eine Sprachmade sozusagen.

Andreas Fröhlich (Foto: T. Grenzmann)
Hören Sie auch im Alltag genauer hin?
Ich bin ein Mensch des Ohres. Für mich spielt Stimme eine ganz große Rolle. Wenn jemand anfängt, auf mich einzureden, interessiert mich erst mal der Klang der Stimme, was steckt dahinter. Ich gucke auf den Mund und nicht in die Augen – wahrscheinlich bin ich da als Kind als Synchronsprecher ein bisschen versaut worden.



Klingt, als könne Ihr Beruf nie zur Routine werden ...
Nee! Es ist ja auch wirklich toll, eine richtige Auseinandersetzung mit dem Buch: Dieses Laut-Lesen und Darstellen, da entdeckt man natürlich alle möglichen Feinheiten, die in dem Text schlummern. Man macht das Ganze dreidimensional: 3D-Lesung (er lacht) – auch nicht schlecht.

Interview: Teresa Grenzmann/Der Hörverlag

10. August 2011

Axel Milberg liest den Thriller "Der Federmann" von Max Bentow

Hart und doch subtil - eindringlich und psychologisch auf den Punkt entführt der Berliner Autor Max Bentow in die Seele des zwiespältigen Kommissars Nils Trojan. Meisterhaft gelesen von Axel Milberg, der bereits als "Wallander" sämtlichen Henning-Mankell-Romanen eine Hörbuch-Stimme gegeben hat.

Max Bentow im Gespräch:
Mit Ihrem Psychothriller „Der Federmann“ treten Sie zum ersten Mal als Kriminalschriftsteller in Erscheinung. Vor diesem Thrillerdebüt hatten Sie bereits zahlreiche Bühnenstücke verfasst, für die Sie mit renommierten Preisen geehrt wurden. Was war der Anstoß für Ihren Wechsel hin zur Kriminal- und Spannungsliteratur? Hätte es Sie nicht auch gereizt, stattdessen Drehbücher zu schreiben?
Ich hatte schon immer ein Faible für die Kriminalliteratur und dachte bereits seit längerer Zeit über eine eigene Ermittlerfigur nach, malte mir ihre Vorlieben, Ängste und verborgenen Wunden aus. So verdichtete sich allmählich die Figur von Hauptkommissar Nils Trojan in meinem Kopf, bis es mich schließlich drängte, ihn seinen ersten Fall lösen zu lassen.
Das Drehbuchschreiben hat mich insofern nicht gereizt, da hier der kreative Prozess doch oftmals von einer Produktionsfirma beeinflusst wird. Als Romanschriftsteller ist man viel freier.


In „Der Federmann“ wird der Berliner Kommissar Nils Trojan an den Schauplatz eines grausamen Mordes gerufen. Können Sie uns – ohne hier schon zu viel zu verraten – etwas über die Verbrechensserie erzählen, die bald eine ganze Stadt in Atem halten wird?
Es dreht sich um eine Reihe von schrecklichen Frauenmorden. Den Opfern wurden nicht nur die Augen ausgestochen, sondern es fehlen ihnen auch die Kopfhaare. Und es werden tote Vögel an den Tatorten gefunden, sie scheinen im Phantasma des Mörders eine wesentliche Rolle zu spielen.

Was hat Sie zu dieser Handlung inspiriert?
Ich bin von meinen eigenen Ängsten ausgegangen. Schon als Kind habe ich mich schrecklich davor gefürchtet, mit meinen Eltern durch das Vogelhaus im Berliner Zoo zu gehen. Das Flügelgeflatter in geschlossenen Räumen löst bei mir panikartige Zustände aus. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten habe ich herausgefunden, dass ganz viele Menschen unter dieser Phobie leiden.

Max Bentow © Doris Poklekowski

Der Täter richtet die Opfer bestialisch zu - in einem Mordakt mit gewaltiger Symbolkraft. Vom Schauplatz der Tat zeichnen Sie ein detailliertes Bild und setzen die Leser dem Anblick schonungslos aus. Zeigt sich in dieser Aufforderung zum Hinsehen, im Kommunizieren über Bilder mit starker symbolischer Wirkung ein Einfluss Ihrer Arbeit als Dramatiker?
Für mich sind das eher filmische Anleihen. Ich habe mich beim Schreiben immer gefragt, wie der Schauplatz wohl auf einer großen Kinoleinwand aussehen würde. Dieses Kopfkino beim Leser zu evozieren, war mein Anliegen.

Der Mörder lässt bei seinen Opfern stets Vögel zurück – Dompfaffen, wie sich herausstellt. Was symbolisieren die Vögel, und warum haben Sie sich gerade für den Dompfaff entschieden?
Da ist zum einen die Vorstellung, beim Sterben würde die Seele wie ein Vogel aus dem Leib des Menschen entweichen. Er steht aber auch für die Unfähigkeit des Menschen zu fliegen. Und er symbolisiert für mich etwas zutiefst Verstörendes, wenn er sich nicht am Himmel, sondern in einem geschlossenen Raum bewegt, somit steht er auch für eine Art des Gefangenseins.
Die Entscheidung für den Dompfaff traf ich, da er die Farbe Rot im Gefieder hat und sogar in einer Großstadt wie Berlin angesiedelt ist, wenn auch nicht gerade häufig, was ihm wiederum einen gewissen Seltenheitswert verschafft.

Mit Nils Trojan führen Sie eine vielschichtige Persönlichkeit als Ermittler ein. Er steckt in einer schwierigen privaten Situation und kämpft mit psychischen Problemen. Damit zählt Nils Trojan zu einer Reihe von Ermittlerfiguren in der gegenwärtigen Kriminalliteratur, die gleichzeitig mit einer tiefen persönlichen Krise eine berufliche Herausforderung meistern müssen. Worin liegt der Reiz dieser Zuspitzung, und wie beeinflusst diese Krise Trojans Arbeit bei der Mordkommission?
Den Helden, der sich mit einer persönlichen Krise herumplagen muss, den leicht angeschlagenen Helden, der sich seine Schwächen eingesteht, vor eine beinahe unlösbare Aufgabe zu stellen, macht den großen Reiz beim Schreiben aus.
Als ich begann, die Figur von Nils Trojan zu entwickeln, tauchte ein Wort in meinen Notizen immer wieder auf, das Wort „Angst“, und so kristallisierte sich allmählich für mich eine entscheidende Frage heraus: Wie geht ein Mensch, der bestialische Morde aufklären muss, der stets bewaffnet ist und jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen muss, wie geht jemand, der selbst in den Fokus des Mörders gerät, mit seiner eigenen Angst um? Was passiert, wenn sich diese Angst nicht mehr erfolgreich verdrängen lässt und sich eigene Kanäle sucht?
Und so kam ich darauf, dass Nils Trojan mit Panikattacken zu kämpfen hat. Sie werden so stark, dass er beschließt, eine Psychologin aufzusuchen, heimlich, außerhalb der Dienststelle, denn er weiß, dass in seinem Kommissariat das Wort „Angst“ tabu ist.
So lernt Nils Trojan die Psychologin Jana Michels kennen. Mit ihrer Hilfe und durch das Wissen um die Zerbrechlichkeit seiner Seele wird er höchst sensibilisiert und kann sich auf diesem Wege sogar, wenn auch anfangs widerstrebend, in die kranke Psyche des Mörders hineinversetzen und bekommt so ein Gespür für dessen Motive.

Durch Ihren Roman zieht sich wie ein roter Faden die Beschäftigung mit der menschlichen Psyche, mit psychischen Störungen, ihrer Entstehung und ihrer Behandlung: Kommissar Nils Trojan sucht regelmäßig eine psychologische Praxis auf, die Frau von Trojans Vorgesetztem leidet unter gravierenden Krankheitssymptomen, der Hauptverdächtige in der Mordserie scheint depressiv zu sein. Was sagt es über die Gesellschaft in Ihrem Roman aus, wenn ein Großteil der Personen offen oder versteckt behandlungsbedürftig ist?
Wir leben in einer hektischen, gewalttätigen Welt. Mir lag auch daran aufzuzeigen, dass nicht jeder über die Kraft verfügt, diese Einflüsse ohne seelische Beschädigung zu überstehen.
Außerdem bin ich der Meinung, dass es in einem Kriminalroman nicht nur um die Aufklärung eines Verbrechens gehen sollte. Vielmehr ist es doch auch Aufgabe des Autors nachzuspüren, wo die Ursachen für all die schrecklichen Verbrechen liegen, über die wir Tag für Tag in der Zeitung lesen müssen.
Natürlich wäre es viel zu einfach zu sagen, eine kranke Gesellschaft bringt auch beschädigte Menschen hervor. Aber ich möchte schon gewisse Zusammenhänge herstellen und verborgene Schichten freilegen in den Biografien meiner Romanfiguren.

Unter den Opfern findet sich eines mit besonders tragischem Schicksal: Lene. Sie wird zu einer Schlüsselfigur für das Begreifen des Täters. Können Sie uns etwas mehr über ihre besondere Rolle erzählen?
Lene ist ein zehnjähriges Mädchen, sie muss Schreckliches mit ansehen und macht Furchtbares durch. Mit ihr nahm ich bewusst die Perspektive eines Kindes ein, um mich in die Zeit zu vertiefen, da die Persönlichkeit geprägt wird. Es ist oftmals leider auch die Zeit seelischer Deformierung. Hier können die Wurzeln künftigen Unheils liegen. Und so spannte ich den Bogen bis hin zum Täter, der selbst aus äußerst zerrütteten Verhältnissen stammt.
Beim Schreiben wollte ich Lene oft an die Hand nehmen und sie vor all dem Leid beschützen. So gab ich gewissermaßen meine eigenen Instinkte an Nils Trojan weiter. Er ist selbst Vater einer Tochter, die er über alles liebt, aber auch sehr vermisst, da sie seit seiner Trennung von ihrer Mutter nicht mehr bei ihm lebt.
Er setzt alles daran, um Lene zu retten, er spürt, dass sie mutterseelenallein ist auf dieser Welt, und würde ihr gern beiseite stehen.

Sie spielen mit Perspektivwechseln und locken die Leser geschickt auf falsche Fährten. Trotz aller Verdachtsmomente gelingt es Ihnen, erst ganz am Ende überraschend zu enthüllen, wer der Täter ist. Stand der Plot für Sie von Anfang an fest, oder gab es beim Schreiben spontane Entwicklungen, die der Auflösung des Falls eine andere Richtung gaben?
Ich habe mich sehr lange mit der Struktur des Romans beschäftigt, und auch die Auflösung habe ich mit Ausnahme weniger Einzelheiten schon vor dem eigentlichen Schreibbeginn genau festgelegt. Das Prinzip einer hohen Spannungsdramaturgie war mir überaus wichtig.

Der Psychothriller ist in Berlin angesiedelt, die Ereignisse tragen sich überwiegend in Kreuzberg, Treptow und Neukölln zu. Was bedeutet Ihnen Berlin – persönlich und als Schauplatz für Ihren Roman?
Berlin ist meine Heimat, hier wurde ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hierher bin ich immer wieder zurückgekehrt. Den Puls und den Atem dieser Stadt wollte ich meinem Roman mitgeben. Besonders am Herzen liegt mir das sogenannte Kreuzkölln, wo ich selbst wohne, die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg. Hier leben Menschen verschiedener Nationen, die völlig unterschiedlich sozialisiert sind, auf engem Raum nebeneinander. Eine aufregende Mischung, aber auch ein sozialer Brennpunkt, wie geschaffen für meinen Roman.

Mit Kommissar Nils Trojan und der Psychologin Jana Michels haben Sie zwei Charaktere auf den Plan gerufen, die sich bei Ermittlungen kongenial ergänzen würden. Haben Sie schon daran gedacht, einen weiteren Thriller zu schreiben und die Geschichte der beiden fortzusetzen?
Unbedingt! Ich bin bereits dabei, den nächsten Thriller mit Nils Trojan und Jana Michels als Hauptfiguren zu entwerfen.

Das Interview führte Elke Kreil für den Page & Turner Verlag